Rezensionen


Hier finden Sie ausgewählte Buchkritiken, die ich u.a. für die Portale versalia.de und lyrikwelt.de sowie das Literaturhaus Wien geschrieben habe. Kurzrezensionen ab sofort auch auf meinem Wordpress-Account.

 

Das über viele Jahre liebevoll von Hans-Werner Gey betreute Literturportal lyrikwelt.de musste Ende Mai 2018 wegen Problemen mit der neuen unsäglichen Datenschutzrichtlinie überraschend eingestellt werden. Neben tausenden von Gedichten von LyrikerInnen aus allen vier Himmelsrichtungen gingen so auch mehrere hundert Rezensionen sang- und klanglos verloren. Deshalb veröffentliche ich an dieser Stelle in losen Abständen vor allem Beiträge, die ich im Laufe der Jahre für die Lyrikwelt verfasst habe.

 

 

 

Rezension zu: "Hier im Regen" von Lorenz Langenegger

Jung und Jung Verlag, Salzburg/Wien, 2009, EUR 20,00

 

Schweizer, zumal Berner Helden stehen im Ruf, langsame Zeitgenossen zu sein, auch in der Literatur. Viele Figuren von Gottfried Keller bis in die Postmoderne hinein legen diesbezüglich ein entsprechendes Zeugnis ab. Auch Langeneggers Protagonist Jakob Walter macht da keine Ausnahme, erscheint zunächst als der Archteypus eines eidgenössischen Durchschnittsangestellten: erst nach einigen Seiten wird dem Leser überhaupt klar, dass es nicht um einen Mann Mitte fünfzig, sondern gerade einmal dreißig Jahren geht, einen Steuersachbearbeiter, seit fünf Jahren verheiratet, kinderlos, Schildkrötenbesitzer, über Beruf und Ehe hinaus fast ohne soziale Kontakte. Überfordert mit der Situation, drei verregnete freie Tage ohne seine Frau verbringen zu müssen, treibt er durch die Hauptstadt Bern, erfährt vom Verschwinden seines ehemaligen Kneipenwirtes Rolf (des einzigen Menschen, den er als seinen Freund bezeichnen würde, obwohl er privat kaum etwas über ihn weiß) und versucht sich im Verlauf des Buches Klarheit über seine Person und ihre Position in der Welt um ihn herum zu verschaffen. Was, wenn er in einer anderen Stadt lebte? Jakob Walter versucht eine Antwort, indem er sich in den Zug nach Locarno setzt. Dort trifft er auf seinen füheren Arbeitskollegen Bochsler und dessen Frau. Zurück in Bern erfährt er vom Tod seines verschwundenen Bekannten Rolf und lernt dessen Witwe kennen. In diesen Begegnungen reflektiert Jakob Walter auch immer wieder seine eigene Existenz. Das klingt alles nicht besonders aufregend. Aber Lorenz Langenegger, der mit "Hier im Regen" seinen ersten Roman vorlegt und bisher vor allem als Bühnenautor von sich reden gemacht hat, ist trotz seines noch beinahe jugendlichen Alters (auch er ist wie sein Jakob Walter Jahrgang 1980) ein erstaunlich lebenskluger und philosophischer Schriftsteller, der ohne jedes metaphysisch überhöhte Geschwurbel auskommt und dazu ein so liebevoll genauer Beschreiber von kleinsten Details, dass der Leser sich fast zwangsläufig mitgetragen fühlt vom Strom der Gedanken und Handlungen seiner Hauptfigur. Dabei gelingt es dem Autor stets, sich nirgendwo zu verzetteln, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen: der Erzählstrang bleibt immer stringent. Gleichzeitig drückt Langenegger dem Leser nicht seine Weltsicht auf, lässt vielmehr Raum für das eigene gedankliche Mitschwingen über Freundschaft und Beziehung, Lebenssinn, Zärtlichkeit, die Gewöhnlichkeit auf der einen und das als vertraut empfundene Gewohnte auf der anderen Seite. Er schafft es, humorvoll zu schreiben, ohne den durchaus zuweilen etwas spießigen Blickwinkel seines Protagonisten mit Häme zu übergießen, vielmehr leise augenzwinkernd aufzuzeigen, wieviel von dieser literarischen Person vielleicht auch im Leser stecken mag. Andererseits ist das Buch auch alles andere als ein Loblied auf die althergebrachte sprichwörtlich biedere Lebensart der Schweiz, eher vielleicht ein Plädoyer für ein illusionsloses Sich-Abfinden damit, dass die ganz großen Sprünge im Leben oft nicht möglich oder auch nur notwendig sind: "Ich liebe die Schweiz dafür, dass sie auch durchschnittliche Leistungen mit Wohlstand belohnt", lässt Langenegger Jakob Walters alten Arbeitskollegen Bochsler sagen. Über diesen Satz sollte man auch als Deutscher des 21. Jahrhunderts einmal nachdenken, ohne gleich am politischen Tagesirrsinn zu verzweifeln. Langenegger bedient sich eines geradlinigen schlichten Erzählstils, der gut mit der sparsamen Handlung und dem gänzlichen Fehlen des Spektakulären in diesem Buch korrespondiert. Ihm ist mit "Hier im Regen" ein wunderbares, ruhiges kleines Stück Literatur gelungen, das sich nahtlos in die schweizerische Erzähltradition einfügt, ohne Plagiat zu sein. Den genauen Blick und den Sinn für eine präzise Dramaturgie hat er vom Theater mitgebracht, und die erzählerische Leichtigkeit seines Prosaerstlings mag durch eine gewisse Unbefangenheit, Neues auszuprobieren, mitgetragen worden sein. Es bedarf keiner Prophetie, um vorherzusagen, dass der Mann es schwerhaben wird mit seinem zweiten Roman: schwer, es womöglich noch besser zu machen. Denn bei Lorenz Langenegger kann man sich eines nach der Lektüre von "Hier im Regen" nicht mehr recht vorstellen: dass er ein mittelmäßiges Buch folgen lassen könnte.

 

© Marcus Neuert, Mai 2010