Literatur und Jazz


© Foto: Doris Rohde, 2017.
© Foto: Doris Rohde, 2017.

PostPoetry.NRW-Preis 2022 an Marcus Neuert


Lena Riemer (Nachwuchspreis), Marcus Neuert (Preis Lyriker), Monika Littau (Moderation) und Elena Nahen (Nachwuchspreis) vlnr (Quelle: PostPoetry.NRW auf Facebook)
Lena Riemer (Nachwuchspreis), Marcus Neuert (Preis Lyriker), Monika Littau (Moderation) und Elena Nahen (Nachwuchspreis) vlnr (Quelle: PostPoetry.NRW auf Facebook)

Am 04. November 2022 fand in Dortmund die Verleihung der diesjährigen PostPoetry.NRW-Preise statt. Nach 2014 wurde 2022 zum zweiten Mal auch Marcus Neuert geehrt, diesmal für sein angrammatisches Gedicht eisenbahnblues.  Anbei die Laudatio von Jurymitglied Karla Reimert Montasser (Haus der Poesie, Berlin):

 

"Lieber Marcus Neuert, liebe Gäste der Preisverleihung,

 

im amerikanischen Blues steht die Eisenbahn zumeist für das Abhauen, das planlose Herumreisen, auch das Nicht-wissen-wohin... Viele Songs beschreiben kleine Fluchten, meist schwarzer Männer von zu viel Arbeit, die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer in großen Städten an großen Strömen.

Häufig handeln die Texte des Blues auch von Diskriminierung, Verrat, unerwiderter Liebe, Arbeitslosigkeit, Hunger, finanzieller Not, Heimweh, Einsamkeit und Untreue, alles Motive, die in „eisenbahnblues“ ebenfalls ihren Auftritt haben. Das Klischee vom Blues als vor allem trauriger Musik, das er in der Zeit der Wiederentdeckung in den 50er und 60er Jahren durch das neue weiße Publikum erfuhr, hängt dem Blues bis heute nach, tatsächlich kommt der Blues auch trotz seiner Inhalte oft gutgelaunt oder zumindest selbstironisch daher.

Der Blues spielt auch gern mit Geschlechterrollen; ist die Frau in einem Liebespaar nicht gut drauf, so verschwindet sie zu ihrer Mutter, für Männer bleibt der Fernwehwind und die Hoffnung darauf, beim geschnorrten Freiritt auf dem Dampfross dank einer Glückskindhaube nicht entdeckt zu werden.

Die Sehnsucht nach dieser Freiheit hatte und hat etwas perfide Tröstliches, selbst wenn es sich nicht um Chicago und Mississipi, sondern um Neuss und Nippes und den Rhein handelt, die Folianten nur aussehen wie Bibeln, und das lyrische Ich nicht selbst verloren ist, sondern nur im selben Beinhaus wohnt...

Und wie das so ist beim Dichten, man liebt als Marcus Neuert Neues und findet Stehrumchen im Text doof, so lässt sich doch auch mit den raffiniertesten constraints nicht jede Binse aushebeln und, glaubt man den Suchmaschinen, hat der Blues auch nach wie vor einen schweren Stand in Köln.

Womit wir beim fabelhaften Gebrauch des Anagramms in diesem Gedicht wären. Sie wissen schon, Anagramme sind Wahrnehmen und Tun auf der Quantenebene der Sprache, aus Erbgut wird durch Umstellung Betrug und neuss liebhaben geht eben nicht ohne das eingeschriebene Gegenteil, den eisenbahnblues. Marcus Neuert benutzt hier, anders als etwa Unica Zürn, die Anagrammtechnik nicht streng formal, sondern eingebettet in eine Story, er selbst bezeichnet dies, so Patrick Wilden in einer Rezension zu seinem Band fischmaeuler. schaumrelief. anagrammatische miniaturen. als „Insulartechnik“.

Mit Anagramm und Storytelling als Werkzeugen wird in Neuerts Anagrammen eine äußerst lustvolle Gegenrealität von Phänomenen und Zeichen geformt, die vornehmlich als wackliger Grenzzaun zu verstehen ist, insbesondere durch Symmetrie und Redundanz als Symptome der Wiederkehr des rätselhaften Gleichen, haarscharf an dem Bereich der Magie und des Rituals entlangwandernd.

Ein herausragendes constraint sei betont: Das Gehirn macht nicht das Bewusstsein, es ist dessen constraint. Daraus entwickelt das Gedicht auf wunderbare Weise seine frappierend kunstvollen Kapriolen. Ist das noch höherer Blödsinn oder etwa schon eine triumphierende Gegen-Logik?

Auf die oft an ihn gerichtete Frage, wozu denn „das“ alles mit der Quantenmechanik gut sei, hat einer der diesjährigen Nobelpreisträger für Physik, Anton Zeilinger, geantwortet: "Ich kann Ihnen ganz stolz sagen: Das ist für nichts gut. Das mache ich aus Neugierde". Er erhielt den Nobelpreis dieses Jahr auch für die Widerlegung des Einsteinschen Diktums, dass nichts schneller sei als Licht.

Schlimmer noch war für Einsteins Weltbild etwas, dessen Implikationen der Physiker als »spukhafte Fernwirkung« bezeichnete und das Ausdruck eines zentralen Aspekts der Quantenmechanik ist: die Verschränkung. Sie verknüpft die Eigenschaften zweier Teilchen untrennbar miteinander, die beliebig weit voneinander entfernt sein können. Erst, sobald man eines der Teilchen vermisst, wird ihr Zustand festgelegt – und zwar sofort, sowohl für das beobachtete als auch für das andere. Wie soll das ungeachtet der Entfernung funktionieren, also auch für ein Teilchen, das sich womöglich am anderen Ende der Galaxis befindet?

So lässt sich auch der ganze Versuchsaufbau von „eisenbahnblues“ auch nur dadurch erklären, dass im Moment der Entscheidung, dieses Wort für das Verfahren der Buchstabenrochaden zu benutzen und kein anderes, bereits der gesamte Sinn – irgendwie, stellen Sie sich bitte an dieser Stelle eine geeignete Anzahl an Wundern vor – festgelegt wird.

Danke, Marcus Neuert, für die wunderbare Trittbrettfahrerei in die Quantenmechanik der Sprache!"


Eingelesen!


Die Gedichte "fischmaeuler. schaumrelief", "bedrohte arten" und "kein schoener land"  finden Sie ab sofort vom Autor selbst eingelesen auf dem Youtube-Auftritt der edition offenes feld.


Lyrikpreis Meran vom 13. bis 15. Mai 2021


Hier geht es zu dem Teil der Jurydiskussion beim Lyrikpreis Meran 2021, in welchem die Gedichte von Marcus Neuert (ab Minute 11:27) besprochen wurden. Und hier zur Preisverleihung, wo Marcus Neuert der 3. Preis der Südtiroler Landesregierung beim Lyrikpreis Meran 2021 (ab Minute 11:45) zugesprochen wurde.


>>> die neuesten Rezensionen von Marcus Neuert zu gerade erschienenen Büchern finden Sie unter:

>>> literaturkritik.de

>>> Literaturhaus Wien

 

>>> unveröffentlichte und verstreut erschienene neuere Texte finden Sie unter

>>> Textauswahl

 

>>> eine Rezension des 2018 erschienen Prosabandes "Imaginauten" können Sie unter folgendem Link lesen:

 

>>> von Barbara Zeizinger auf Fixpoetry

 

>>> Online-Rezensionen des Gedichtbandes von Marcus Neuert mit dem Titel "Irrfahrtenbuch" finden Sie hier:

 

>>> von Tarja Sohmer auf "Versalia"

>>> von Hellmuth Opitz auf "DAS GEDICHTblog"

 

>>> Marcus Neuert auf Wordpress

 

(auf diesem Account stelle ich unter literaturundjazz.wordpress.com ab sofort und ab und an Lyrik, Gedankensplitter, Kurzrezensionen und Reposts von anderen Bloggern ein).



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