Laudationes / Rezensionen


Halbschlüsse, Falknerschüsse

 

Der Mann muss doch was mit Musik am Hut haben, wo käme sonst der viele Blues her:„eisenbahnblues“, „migrationsblues“, „blues vegetarisch“. Neun der gut hundert neuen Anagrammgedichte von Marcus Neuert tauchen ein in die Schwermut: „seit ich mir die freuden des gulaschs / verbiete erscheint mir im leben vieles / geschraubt grad als ob der schaebige / verlust des fleisches in wahrheit selig / verabscheut was er begehrt“. Wohl selten ertönten lyrische Blue Notes so lustvoll und so lustig. Und das waren noch lange nicht alle musikalischen Anklänge. Wie sonst wäre „grillsonate. stalinorgel“ zu lesen? „wir legen auf dem triangel los, moskau begleitet an der stalinorgel, eine formgerechte grillsonate aus allen roehren“. Ist das etwa politisch?

 

Seit vielen Jahren schon bringt der in Minden und in Coswig bei Dresden Schreibende seine außergewöhnliche lyrische Findigkeit, ja Brillanz in die Form von Anagrammen, die er in Miniplots einbettet: „Insulartechnik“. Schlagwörter oder schale Redewendungen, Auf- und Übergeschnapptes aus den Medien, aus allem dreht Neuert neue buchstabenidentische Wortgetüme und damit der vor sich hin worthülsenden Neusprechwelt eine Nase: „dada means nothing“, fürwahr! Die musikalisch-bildnerische Familienprägung sorgt für die witzig-ausgeklügelte Gussform in Verse, Blöcke, Flattersätze. Eine „espentaille“ ist als solche erkennbar: „... nepals / eliten haengen / im himalaya / auch / nur / an einer / plasteleine / doch deine espentaille / halte ich ...“ Und mit ihr das Versprechen, dass man beim Lesen immerzu ungläubig beglückt vor sich hin schweben kann. Kein Wunder, dass Neuert für diese Schreibart 2022 beim Lyrikpreis Meran ausgezeichnet wurde.

 

Zur einfachen Handhabung ist katzenlimbo. falknerschuss als Abecedarium angelegt. So kann man durchs Inhaltsverzeichnis scrollen, einer „bloedianselegie“ lauschen, „einfach sterben“ oder am „nilgletscher“ wandern. Und mit „x mal ist einmal“ und den „ypsilondilemmata“ finden sich auch periphere Buchstaben, jeweils mit über zehn Variationen. Echte Anagramme gibt es ebenfalls „streitkultur ist / leitstruktur ist / lustritt tuerkis“. An anderer Stelle kann man „mit buechern heizen“: „nicht zier bemuehen, reiz bemuehen. / nicht zu intim ehebrechen.“ Eine feine Erotik, hauchzart gepaart mit Endzeitlichem, ist aus manchen Texten zu erlesen, zumal denen mit Widmung „fuer doris“: „die liebste freundin / laesst nur fernleibstudien zu“, erfährt man und gewahrt so, was alles in ihr steckt. Sie „definiert blusen als entkleidungs / stücke“, und der fast faunische Galan „hoert die diebin fluestern / so ueberzeugende fundierte silben / von seidenbeinen und bustierdelfinen“.

 

Neuerts lyrische Stücke sind nicht als bloße, kunstvoll flapsende Capricen misszuverstehen. Das Private ist bekanntlich politisch, und wo „ivan eskaliert“, geht der buchstabenquirlende Polemiker zum pazifistischen Angriff über: „wir sind die guten von der antisklaverei-fraktion. nur der von uns skalierte ivan kann ein guter ivan sein. also gleich mit klaviersaiten von hinten kommen ...“ Ein der Politikerin Antje Vollmer in die selbstgewählte Ewigkeit nachgerufenes „friedensgruen“ klingt wie ein melancholisches Bekenntnis. Überhaupt sollte man diese hochdosierten Kreativitätsinjektionen auf sich wirken lassen, ohne dass der katzenlimbo dem großen Lesevergnügen ein Klotz am Bein wird.

 

Dass Marcus Neuert ein Multitalent ist, beweist die Tatsache, dass direkt auf seine Anagrammgedichte ein Band neuer Kurzprosa mit dem Titel Falken im Foyer folgt. Den genremäßig weitgespannten Rahmen misst der listig-witzige Untertitel aus: „einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens“. Da gibt es geschliffene Kolumnentexte wie „Sprechterrinen“ oder „Triptychon“, die einzelne Bröckchen der allgegenwärtigen Sprachdiarrhö aufnehmen. Man hört diemediale Blase von einem „Streichkonzert“ salbadern? Darauf Neuert: „Gestrichen sind per Definition Flöten, Klarinetten, jegliches Schlagwerk und vor allem Megafone.“ Da wird im raunenden Feuilletonstil in düsteren Farben die Zukunft gemalt? „Vielleicht wird aber auch alles nicht so kalt genossen, wie es eingefroren wird. Vielleicht wird ja überhaupt alles nicht so kalt, Genossen.“ Der elegante Sprachspieler lässt grüßen.

 

Überhaupt, Eleganz. Die Miniaturen, Kurzgeschichten und kleinen Erzählungen mit ihren vielen Protagonisten und Perspektiven lesen sich im besten Sinne gefällig. Die meisten „Fallbeispiele“ gehören dieser zweiten Kategorie an. Den gelegentlichen Hang zum Kitsch machen die originellenPlots nicht nur wett. In „Farmacia Portaieri“, dem längsten Textbeitrag des Buches, würde die entzückende Erotik, die durch den merkwürdigen „Ufologenkongress“ noch akzentuiert wird, ansonsten vermutlich verpuffen. Dem Schwerenöter Tiziano begegnet im Florentiner Sommer eine „aparte“ Apothekerin: „ein Geschöpf kurz vor dem Kippen in ein sicher noch jahrzehntelang bezaubernd anzusehendes Verblühen, mit einem dunkelblonden schnittigen Pagenkopf, zwischen grau, blau und grün changierenden Augen und von anmutiger mädchenhafter Statur ...“ Okay, das ist der männliche Blick. Aber die entscheidende Rolle spielt, dass die Dame den Namen „Gesterntür“ trägt, denn die beiden kriegen sich nur, weil die Zeit einen Tag zurückgedreht wird.

 

Wer Neuerts Prosa kennt, weiß, dass er einen Hang zum Phantastischen hat. Das kann die rätselhafte Wendung sein, die aus einer ausweglosen Situation herausführt, wie bei dem kleinen Jungen, der vor dem selbstgezeichneten Ungeheuer, das ihm plötzlich in seinem Kinderzimmer auflauert, in den Comic flüchtet („gezeichnet“). Oder da ist dieser andere Junge (in „ungünstige Umstände“), den eine „schwarze Wolke“ von einem S-Bahnhalt zu einem kleinen See hetzt, wo er von einer stummen Undine – aufgefunden wird? Tot? Der Text ist in Form von Zeugenaussagen montiert und macht sich die reale Szenerie von Neuerts Zweitschreibort Coswig zunutze. In „unten“ steigt ein alternder Mann, dessen gescheiterte Existenz in bester Short-Story-Manier in wenigen Strichen und nicht unoriginell gezeichnet wird, in den Keller des heimischen Plattenbaus – und alles ist anders, der Keller nimmt kein Ende, er steigt tiefer und tiefer, irgendwann trifft er auf seine siechende Gefährtin, in einen Jungbrunnen gefallen, und …

 

Man begegnet ihm in Falken im Foyer immer wieder, dem Tod. Das kann während der Fahrt in einem Geisterbus voller unsichtbarer Insassen sein, der eine Mutter und ihre Tochter vor den Nachstellungen des gewalttätigen Vaters rettet („Ikarus“). In einer in einen verseuchten Naturzustand zurückgefallenen Zukunftswelt („am Draisinendamm“) wird ein „Schienengärtner“ Opfer einer metaphysisch gefräßigen Pflanze, die den altmodisch-originellen Namen „Schlingwurz“ trägt: „er spürte das Einswerden mit dem Grün, es gab nur noch das Grün, er war das Grün und wuchs und wuchs über sich hinaus, weit ...“ Während der alternde Held in der Titelerzählung „Falken im Foyer“ einfach aus einem erotisch aufgeladenen Traum erwacht und nach einem vermeintlichen Abenteuer mit der „Venus von Nuves“ (auch Anagrammisten kalauern!) mutmaßt: „Es ist wahrscheinlich: nichts geschehen.“ Manche der Aufwachenden sind allerdings ein „Fall für den Kardiologen“.

 

Man sieht Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, seine kleinen Eskapaden nicht nur gerne nach, sondern fragt sich, warum solch brillante literarische Versuchsanordnungen keinen Eingang mehr finden in die Programme großer Publikumsverlage. Wirkliche „Fallbeile“, um an den Untertitel zu erinnern, muss man in diesen wunderbaren Prosastücken nicht fürchten, denn nach Halbschlüssen in der Musik geht es immer weiter. Darum ist von diesem Autor hoffentlich noch einiges zu erwarten.

 

Patrick Wilden

 

Marcus Neuert: katzenlimbo. falknerschuss.

ein anagrammatisches abecedarium. 124 Seiten.

Edition Offenes Feld. Dortmund 2025. € 20,00.

 

Marcus Neuert: Falken im Foyer. Einunddreißig

Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse

des Lebens. Geschichten und kleine Prosa.

156 Seiten. Edition Offenes Feld. Dortmund

2025. € 22,00.

 

(aus: Am Erker, Ausgabe Nr.90 – Wege und Umwege – , Münster/Westf., April 2026, S. 124-126)


Laudatio auf Marcus Neuert – 2. Preis, Konstantin-Andok-Literaturpreis 2025

von Jörn Boewe anlässlich der Preisverleihung im Brecht-Haus zu Berlin am 05. Februar 2026


"Liebe Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde des Konstantin-Andok-Literaturpreises,

lieber Marcus Neuert,


es gibt Texte, die man nicht „gern“ liest. Aber man ist froh, dass es sie gibt. Texte, die nicht trösten, nicht versöhnen, nicht glätten – sondern etwas freilegen. „Unglückliche Umstände“ ist so ein Text.
Schon der Titel klingt wie ein Satz aus einer Pressemitteilung, ein Formblatt, ein Schutzschild: „unglückliche Umstände“ – als wäre da etwas passiert, ohne dass jemand etwas getan hätte. Genau gegen diese bequeme Formel schreibt Marcus Neuert an. Und er tut es mit einer Form, die ebenso schlicht wie unerbittlich ist: Montage. Protokoll. Stimmen.
Neuert erzählt nicht linear. Er reiht Stimmen aneinander, als würde man eine Akte öffnen, eine Chronologie aus Aussagen, die sich gegenseitig beleuchten – und sich zugleich wegdrücken. Da ist die Fahrkartenkontrolleurin, die den Jungen aus der S-Bahn wirft, mit dem Vokabular von Vorschrift und Pflicht. Da ist der zufällige Beobachter am Bahnsteig. Da ist die Rentnerin, die ihn später über die Straße rennen sieht. Da ist die Restaurantpächterin mit ihrem Pekinesen. Und dann diese anonyme Männergruppe, deren Andeutungen kaum auszuhalten sind. Schließlich das Mädchen am See, das sich nur mit Gesten verständigt.
Jede Stimme ist ein Protokoll. Der polnische Gebäudereiniger, der versucht zu helfen, ist die Ausnahme. Sonst ist fast jede Stimme eine Ausrede – oder zumindest ein Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Die einen sagen: Ich musste. Die anderen: Ich konnte nicht. Wieder andere: Ich habe doch… irgendwas… irgendwie… Und so entsteht, Satz für Satz, ein Netz aus Wegschauen, Kleinreden, Zuständigkeiten verschieben. Die Schuld diffundiert, bis sie niemandem mehr gehört. Und genau darin liegt der Skandal, den dieser Text sichtbar macht: Nicht das einzelne Böse, sondern das System aus kleinen Abständen, in denen ein Kind verschwindet.
Stilistisch erinnert das an dokumentarisches Theater oder literarische Reportage: unkommentierte Aussagen, die sich selbst entlarven, gerade weil niemand „von oben“ erklärt, wie wir das zu verstehen haben. Aber Neuert belässt es nicht beim Realismus. In diese scheinbar nüchterne Aktenwelt sickert etwas Unheimliches hinein: ein Summen wie von Hornissen, Schatten wie eine schwarze Wolke, eine Atmosphäre, die kippt. Das Fantastische tritt nicht als plötzlicher Bruch auf, sondern wie eine zweite Wahrheit unter der ersten – als hätte das Ungeheuerliche längst neben uns gestanden, wir hätten nur nicht hingesehen.
Und damit macht „Unglückliche Umstände“ etwas sehr Eigenes: Der Text ist Sozialrealismus und Horrorgeschichte zugleich. Er zeigt, wie eine Gesellschaft ein Kind verlieren kann, ohne dass jemand verantwortlich sein will – und deutet zugleich an, dass aus dieser Mischung aus Kälte, Ignoranz und Gewaltbereitschaft etwas wächst, das größer ist als einzelne Täter oder einzelne Versager: eine kollektive dunkle Kraft, ein Monster, das nicht plötzlich kommt, sondern aus Alltag gemacht ist.
Das ist hart. Das ist verstörend. Und das ist – im Sinne unseres Mottos – konsequent: Dieser Text zwingt uns, hinzuschauen. Nicht nur auf das Schicksal des Jungen, sondern auf die Erwachsenenwelt um ihn herum. Auf das, was wir „Umstände“ nennen, wenn wir Verantwortung meinen. Und auf die dünne Linie zwischen „ich konnte nicht“ und „ich wollte nicht“.
Lieber Marcus Neuert: Für diese Form, für diesen Mut, für diese unbequeme Genauigkeit erhältst du heute den zweiten Preis. Dein Text ist ein literarisches Dossier gegen das Wegsehen – und gerade deshalb ein Stück Handlung.
Herzlichen Glückwunsch."


Laudatio zum PostPoetryNRW-Preis 2022 für Marcus Neuert und sein Gedicht "eisenbahnblues" von Karla Reimert Montasser vom Haus der Poesie in Berlin:

 

"Lieber Marcus Neuert, liebe Gäste der Preisverleihung,

 

im amerikanischen Blues steht die Eisenbahn zumeist für das Abhauen, das planlose Herumreisen, auch das Nicht-wissen-wohin... Viele Songs beschreiben kleine Fluchten, meist schwarzer Männer von zu viel Arbeit, die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer in großen Städten an großen Strömen.

Häufig handeln die Texte des Blues auch von Diskriminierung, Verrat, unerwiderter Liebe, Arbeitslosigkeit, Hunger, finanzieller Not, Heimweh, Einsamkeit und Untreue, alles Motive, die in „eisenbahnblues“ ebenfalls ihren Auftritt haben. Das Klischee vom Blues als vor allem trauriger Musik, das er in der Zeit der Wiederentdeckung in den 50er und 60er Jahren durch das neue weiße Publikum erfuhr, hängt dem Blues bis heute nach, tatsächlich kommt der Blues auch trotz seiner Inhalte oft gutgelaunt oder zumindest selbstironisch daher.

Der Blues spielt auch gern mit Geschlechterrollen; ist die Frau in einem Liebespaar nicht gut drauf, so verschwindet sie zu ihrer Mutter, für Männer bleibt der Fernwehwind und die Hoffnung darauf, beim geschnorrten Freiritt auf dem Dampfross dank einer Glückskindhaube nicht entdeckt zu werden.

Die Sehnsucht nach dieser Freiheit hatte und hat etwas perfide Tröstliches, selbst wenn es sich nicht um Chicago und Mississipi, sondern um Neuss und Nippes und den Rhein handelt, die Folianten nur aussehen wie Bibeln, und das lyrische Ich nicht selbst verloren ist, sondern nur im selben Beinhaus wohnt...

Und wie das so ist beim Dichten, man liebt als Marcus Neuert Neues und findet Stehrumchen im Text doof, so lässt sich doch auch mit den raffiniertesten constraints nicht jede Binse aushebeln und, glaubt man den Suchmaschinen, hat der Blues auch nach wie vor einen schweren Stand in Köln.

Womit wir beim fabelhaften Gebrauch des Anagramms in diesem Gedicht wären. Sie wissen schon, Anagramme sind Wahrnehmen und Tun auf der Quantenebene der Sprache, aus Erbgut wird durch Umstellung Betrug und neuss liebhaben geht eben nicht ohne das eingeschriebene Gegenteil, den eisenbahnblues. Marcus Neuert benutzt hier, anders als etwa Unica Zürn, die Anagrammtechnik nicht streng formal, sondern eingebettet in eine Story, er selbst bezeichnet dies, so Patrick Wilden in einer Rezension zu seinem Band fischmaeuler. schaumrelief. anagrammatische miniaturen. als „Insulartechnik“.

Mit Anagramm und Storytelling als Werkzeugen wird in Neuerts Anagrammen eine äußerst lustvolle Gegenrealität von Phänomenen und Zeichen geformt, die vornehmlich als wackliger Grenzzaun zu verstehen ist, insbesondere durch Symmetrie und Redundanz als Symptome der Wiederkehr des rätselhaften Gleichen, haarscharf an dem Bereich der Magie und des Rituals entlangwandernd.

Ein herausragendes constraint sei betont: Das Gehirn macht nicht das Bewusstsein, es ist dessen constraint. Daraus entwickelt das Gedicht auf wunderbare Weise seine frappierend kunstvollen Kapriolen. Ist das noch höherer Blödsinn oder etwa schon eine triumphierende Gegen-Logik?

Auf die oft an ihn gerichtete Frage, wozu denn „das“ alles mit der Quantenmechanik gut sei, hat einer der diesjährigen Nobelpreisträger für Physik, Anton Zeilinger, geantwortet: "Ich kann Ihnen ganz stolz sagen: Das ist für nichts gut. Das mache ich aus Neugierde". Er erhielt den Nobelpreis dieses Jahr auch für die Widerlegung des Einsteinschen Diktums, dass nichts schneller sei als Licht.

Schlimmer noch war für Einsteins Weltbild etwas, dessen Implikationen der Physiker als »spukhafte Fernwirkung« bezeichnete und das Ausdruck eines zentralen Aspekts der Quantenmechanik ist: die Verschränkung. Sie verknüpft die Eigenschaften zweier Teilchen untrennbar miteinander, die beliebig weit voneinander entfernt sein können. Erst, sobald man eines der Teilchen vermisst, wird ihr Zustand festgelegt – und zwar sofort, sowohl für das beobachtete als auch für das andere. Wie soll das ungeachtet der Entfernung funktionieren, also auch für ein Teilchen, das sich womöglich am anderen Ende der Galaxis befindet?

So lässt sich auch der ganze Versuchsaufbau von „eisenbahnblues“ auch nur dadurch erklären, dass im Moment der Entscheidung, dieses Wort für das Verfahren der Buchstabenrochaden zu benutzen und kein anderes, bereits der gesamte Sinn – irgendwie, stellen Sie sich bitte an dieser Stelle eine geeignete Anzahl an Wundern vor – festgelegt wird.

Danke, Marcus Neuert, für die wunderbare Trittbrettfahrerei in die Quantenmechanik der Sprache!"

 


Marcus Neuert, Imaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen. ISBN 978-3-945177-63-1, 10 €, 180 Seiten. Free Pen Verlag, Bonn 2018.

 

Von Barbara Zeizinger

 

Alles scheint möglich

 

Schon die Inhaltsangabe von Marcus Neuerts neuem Buch "Imaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen" deutet darauf hin, dass die Protagonisten ähnlich schweren Gefahren ausgesetzt sind, wie Argo- oder Astronauten. Gleich die erste Geschichte das Loch erzählt nämlich von einem Mann, der sich von seiner Freundin getrennt hat, mit ihr nur noch in Form von Haiku kommuniziert und sich schließlich im Keller selbst einmauert, bis der letzte Stein das Licht löscht. Eines der Haiku lautet:

 

Was tue ich hier?

…Bin ich es überhaupt, der das tut?

…Wer bin ich?

 

Wer bin ich? Diese Frage könnte die Überschrift zu vielen dieser doppelbödigen, oft geheimnisvollen Erzählungen sein, und nicht immer gibt der Autor eine einfache Antwort. Oft geht es um Einsamkeit. Wie bei diesem tatsächlichen Astronauten, der sich von seinem Raumschiff ausklinkt, um einen Rest der Selbstachtung zu bewahren und sich dann, seines erschütternden absoluten Alleinseins bewusst wird.

 

Auch in keine Nacht für Niemann spielt die Einsamkeit und was daraus folgt eine große Rolle. Da lässt sich einer, der versuchte, sich mit seinem Alleinsein zu arrangieren, auf ein mysteriöses Mädchen ein, verfolgt ihretwegen einen Lastwagenfahrer, der im Verlauf der Geschichte, wahrscheinlich wegen des Mädchens, zu Tode kommt.

 

Wie gesagt, leben Marcus Neuerts Figuren gefährlich. Sie stürzen, wie der alte Dusk Dawner in seinem weinroten Mercedes-Cabriolet unverhofft in einen Fluss, nicht ohne im freien Fall, seinen Erinnerungen ausgeliefert zu sein. Oder jemand flüchtet vor Verfolgern in ein Treppenhaus (schwarz. Weiß. Nacht), wird einen Schacht hinuntergeworfen, überlebt und ist jetzt geübt im Sterben, als er schließlich von einem Lastwagen überrollt wird. Oder jemand fährt in einem Lift, merkwürdige Gestalten steigen ein und aus, immer schneller saust der Lift, bringt ihn immer tiefer, bis das Display -137 zeigt.

 

So absurd diese Geschichten zu sein scheinen, oft haben sie einen realen Ausgangspunkt und Marcus Neuert gelingt es, nicht nur menschliche Hybris zu zeigen, sondern auch die Ängste (und Strafen), die diese Überheblichkeit irgendwann mit sich bringt. Es ist nämlich ein Wirtschaftsmann namens Billings, der diese rasante Fahrstuhlfahrt erleiden muss, und die Handlung beginnt ganz real im 83. Stockwerk des Al Abdallah Buildings, wo er sich von Prinz Hamed verabschiedet. Es geht um maßlose Ölgeschäfte!

 

Jetzt geht es richtig abwärts, sagt Billings augenzwinkernd. So tief haben wir bei Brit Oil Worldwide noch nie gebohrt.

Aber wir können es, gibt Prinz Hamed zurück, und Allah wird es uns lohnen. Brauchst du eine Eskorte? Du weißt ja, die Anderen können überall sein.

 

Immer wieder blitzt Ironie in Neuerts Erzählungen auf und Spaß an Wortspielen. Nicht Glaube, Liebe, Hoffnung bilden für die Besitzer und Manager einer Firma das Leitziel, sondern in den drei Bürotürmen (im Schatten der Türme) gilt als Motto:

 

Nun aber bleiben Schläue, Machtwille, Skrupellosigkeit, diese drei. Aber der Machtwille ist der stärkste unter ihnen.

 

Ungerecht sei die Welt, befindet der ausgemusterte Manager Richter, denn seit zwei Jahren gab es keine Dividendenausschüttung.

 

Die zahlreichen Figuren innerhalb seiner 21 Erzählungen verbindet, dass sie alle nicht besonders gut in der Realität zurechtkommen. Dennoch sind sie sehr unterschiedlich und Marcus Neuert gelingt es, sie auch in den teilweise sehr kurzen Geschichten treffend zu charakterisieren.

 

Dies zeigt er besonders in der titelgebenden, längeren Erzählung Imaginauten, in der uns ein ganzes Tableau an Protagonisten begegnet. Geht es dabei doch um die unterschiedlichsten „Stimmen“, über die es in dem vorangestellten Motto von John Durham Peters heißt:

 

Losgelöst vom Körper,

tendieren Stimmen und Gedanken

zu psychotischem Verhalten.

 

Diese Stimmen sind, obwohl körperlos, dennoch als tatsächliche Personen, mit eigenem Aussehen, eigenen Wünschen, eigener Sprache und eigenem Handlungen dargestellt, wobei es Marcus Neuert in dieser Erzählung besonders gut gelingt, sie als plastische Figuren vorzustellen. Der Gastgeber dieser Stimmen erläutert den Titel der Erzählsammlung:

 

Ich bin der Gastgeber der Stimmen, der Eingebungen. Wir tauchen ab, wir fliegen, sind gleich darauf wieder statischer Augenblick. Wir sind Stoff gewordene Gedichte. Reisende unserer eigenen Vorstellungen: Imaginauten. Alles scheint möglich.

 

In diesem Sinne erzählen die Geschichten, mögen sie auch manchmal so unwahrscheinlich, so surreal erscheinen, doch ein Teil unserer Wirklichkeit.

 

(ursprünglich erschienen auf fixpoetry.com)